Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter

wpid-wp-1437328180419.jpeg Harper Lee erhielt für ihr Debüt „Wer die Nachtigall stört“ von 1960 unter anderem den Pulitzer-Preis. 2014 wurde ihr eigentliches Erstlingswerk „Gehe hin, stelle einen Wächter“ entdeckt, das zwanzig Jahre nach „Wer die Nachtigall stört“ spielt.

Wir befinden uns in den Südstaaten der 50er Jahre. Die Nordstaaten wollen die Rassentrennung abschaffen, die schwarze Bürgerrechtsorganisation NAACP gewinnt an Macht und Unruhen entstehen im Süden.

Die kleine Scout, nun nur noch Jean Louise Finch genannt, ist erwachsen, lebt in New York und besucht für einige Tage ihre Familie in Maycomb, also ihren Vater Atticus Finch, seine Geschwister Alexandra und Dr. Finch, sowie ihren guten Freund Henry. Was sie in ihrer Heimatstadt allerdings sieht und hört, lässt sie stark zweifeln, insbesondere an ihrem Vater.

Zunächst einmal etwas zu diesem grausamen Titel: Im englischen heißt es „Go set a watchman“ in Bezug auf Jesaja 21,6. Luthers Übersetzung dazu ist:

Geh hin, stelle den Wächter auf; was er schaut, soll er ansagen.

Im Vergleich dazu die zeitlich aktuellere und dichter am Originaltext gehaltene Zürcher:

Geh, stell den Späher auf! Was er sieht, soll er melden.

Also meiner Meinung nach ungünstig vom Verlag übersetzt. Letzteres finde ich wesentlich besser klingend. Als Buchtitel für ein Land, das vermutlich deutlich weniger bibelfest ist als die Vereinigten Staaten, beides ungünstig. Normalerweise beschwere ich mich immer, wenn ein Buch im deutschen einen komplett anderen Titel trägt als im Original (bestes Beispiel für mich: The Bone Collector wurde in Deutschland zu Die Assistentin), hier hätte ich es aber sehr gut gefunden! Aber man muss den Verlag ja auch mal loben: Das Cover ist super (allerdings identisch mit dem Amerikanischen).

Klingt jetzt alles irgendwie als sei mir nur nach meckern zumute, doch so ist es nicht. „Gehe hin, stelle einen Wächter“ war super! Harper Lee kann einfach schreiben! Die Einleitung ist ziemlich lang (Jean Louise kommt in Maycomb an, trifft ein paar Leute, verbringt ein paar eher normale erste Tage – das sind 36% des Buches), doch dadurch kommt man sehr gut in die Geschichte rein. Was dann folgt ist wirklich großartig gemacht, ganz besonders eine sehr lange Unterhaltung zwischen Atticus und seiner Tochter (84%, Kapitel 17).

Ich habe von einigen gehört, dass sie das Buch nicht lesen wollen, da Atticus in ihm zum Antagonisten werden soll. Es stimmt, dass Atticus anders rüber kommt als in „Wer die Nachtigall stört“, und er ist auch keine Hauptperson mehr. Als Anti-Helden würde ich ihn aber nicht bezeichnen. Er nimmt eine andere, beziehungsweise klarere Position ein, die entscheidend für Jean Louise’s Krise ist. Vor allem der eben schon erwähnte Dialog zwischen den beiden macht das ganz deutlich. Ohne seine Meinung bezüglich Rassengesetze und Gleichstellung ist dieser Roman nicht möglich. Insofern bin ich froh, dass Atticus Finch nun so ist, wie er ist, da sonst dieses Buch nicht möglich wäre.

Ich fand es richtig gut und kann nur empfehlen es zu lesen! Man muss übrigens auch nicht „Wer die Nachtigall stört“ gelesen haben, um alles zu verstehen.

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5/5 Sternen. Weitere Infos zum Buch und Leseprobe.

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